Charlotte, du bist zu alt!
UND WENN SIE AUCH ALT WERDEN, WERDEN SIE DENNOCH BLÜHEN, FRUCHTBAR UND FRISCH
SEIN, DASS SIE VERKÜNDIGEN, WIE DER HERR ES RECHT MACHT; ER IST MEIN FELS, UND
KEIN UNRECHT IST AN IHM.
PSALM 92, 15 -16
Es war drei Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges, den ich mit meinen Eltern in Berlin erlebte. Keiner von uns konnte die Insel Westberlin verlassen, um nach Westdeutschland zu kommen. Da erhielt ich eine Vorladung zur englischen Erziehungskammer.- Wir haben hier eine Einladung für Sie nach England! „Aber ich kenne doch niemand in England,“ sagte ich. „Das macht nichts, doch ist da eine Altersbegrenzung: nur für Jugendliche bis zu 25 Jahren, und Sie sind bereits fast 27 Jahre, zwei Jahre zu alt! Und Ihr Englisch ist auch nicht zu gut, doch das wird in England dann sicher besser werden! Nun, sicherlich wird man Sie nicht nach Hause schicken, denke ich!“ So meinte es die freundliche Miss Bailey. Und ich durfte trotz meines “hohen Alters“ nach England fahren und erlebte dort in Capernwray Hall eine der für mich entscheidendsten Zeiten meines Lebens. Hier sah ich die Weite des Missionsauftrages, den Jesus auch uns für heute gegeben hatte. Auf eine Anfrage an eine schottische Bibelschule bekam ich keine Antwort. So ging ich zu einer mir bekannten Missionsgesellschaft in Berlin und fragte dort nach Möglichkeiten für den Missionsdienst. „Ja, Pharmazie kann man gut auf dem Missionsfeld gebrauchen, doch müssen Sie noch sieben Jahre Theologie und anderes studieren, und dann sind Sie schon 34 Jahre alt. Und wir nehmen nur Missionskandidaten bis 35 Jahre an. Sie sind zu alt für den Missionsdienst!“
So musste ich mich zufrieden geben mit einem Missionsdienst im Inland, in Deutschland: Reisedienst in kirchlichen Jugendkreisen, in der damaligen Ostzone, Missionsdienste in Westberliner Flüchtlingslagern und einiges andere im Inland. Für alles andere war ich ja zu alt!
Inzwischen war ich 37 Jahre alt geworden, als ein Hilferuf aus Marokko von einer kleinen spanischen Bibelschule mich erreichte: „Komm herüber und hilf uns als Hausmutter für unsere spanischen Bibelschüler!“ – „Nun, dafür werde ich sicher nicht zu alt sein!“ dachte ich. Und Gott ebnete die Wege, dass ich dort sein durfte und IHM auf einem Missionsfeld etwas anders als ich es mir vorgestellt hatte, dienen durfte. Doch nur ein Jahr und drei Monate war ich dort, als sich die Türen für die Missionsarbeit in dem moslemischen Königreich Marokko schlossen. Doch ganz wunderbar öffnete mir Gott die Tür nach England zu einer kurzen linguistischen Ausbildung für Bibelübersetzer. Da mit solcher Arbeit in bisher unerreichten Stämmen auch medizinische Kenntnisse nötig sind, meldete ich mich in London zu einem einjährigen medizinischen Kursus für Stammesmissionare an. Doch der damalige leitende Bruder der kleinen Missionsgesellschaft, die mich nach England geschickt hatte, schrieb mir zurück: “Charlotte, Du bist zu alt! Solch einen Kursus kannst Du nicht mehr machen. Komm nach Deutschland zurück, und wir werden Dir hier eine Arbeit in einem Missionswerk verschaffen!“
War dies nun wirklich Gottes Weg und Auftrag für mich, so fragte ich
mich. Ich betete sehr darüber, bis mir klar wurde, dass ich auch diese
medizinische Ausbildung machen und dann aufs Missionsfeld gehen sollte, selbst
wenn andere meinten, ich sei zu alt dafür.
Ich war inzwischen 41 Jahre alt geworden, als mich eine kleine Missionsgesellschaft nach Panama aussandte. Dort meinte man nicht, ich sei zu alt, um auf gefährlichen Bergpfaden und abenteuerlichen Wegen in einem Stamm in Panama die dortige Sprache fertig zu analysieren und die Bibelübersetzung für diesen Stamm der Guaymi zu übernehmen. Nicht nur SprachanaIyse und Bibelübersetzung waren meine Aufgaben dort, sondern auch für einige Jahre die medizinische Hilfe unter diesen armen verlassenen Menschen, die ihre einzige Hilfe bei ihren Zauberern sahen, die sie jedoch immer tiefer in die Abhängigkeit von Satan und seinen bösen Geistern brachten.
Nach acht Jahren in unserer Bergstation Chichica wurden meine amerikanische Kollegin und ich in das Latinostädtchen Tole´ in der Ebene versetzt, wo später die Bibelübersetzungsarbeit von einem Wycliff Missionar weitergeführt wurde. Man sagte mir, ich müsse die Sprache besser beherrschen, um eine gute Bibelübersetzung machen zu können. Doch meinte man nicht, ich sei zu alt, um mit etwa 60 Jahren noch mit einem Sprachstudium zu beginnen, um die Guaymi-Sprache vollkommener beherrschen zu können.
Ich war inzwischen 68 Jahre alt geworden, als ich in das Bergstädtchen Boquete versetzt wurde, wo ich nun ganz allein eine neue Arbeit unter den dortigen Guaymi Farmarbeitern anfangen sollte. Wie sehr spürte ich da meine Abhängigkeit von der Führung und Hilfe des HERRN! Doch ER öffnete mir immer neue Missionsmöglichkeiten auf den Farmen, und in der Ausbildung meiner drei Guaymi-Mädchen, die Gott mir nach und nach ins Haus geschickt hatte. Kinder- und Erwachsenen- Bibelstunden, Jüngerschaftsschulung ‚Seelsorge, ein kleines Gästehaus und eine Gästewohnung hielten uns jung und „auf Trab“. Dazu kamen Radiosendungen, die wir fünf mal in der Woche über zwei panamenische Sender ausstrahlen konnten, und die in meinem „Schlafzimmer Studio“ aufgenommen werden konnten.
Nach einem neunmonatigen Heimaturlaub 1994/95 mit mancherlei Reisediensten war ich inzwischen 74 Jahre alt geworden, und alle meine Freunde meinten: „Nun solltest Du aber Deinen wohlverdienten Ruhestand haben, denn für das Missionsfeld bist du nun doch zu alt!“ Doch ich sagte ihnen immer wieder: “Meinen Ruhestand will ich im Himmel haben, hier auf Erden will und muss ich dem HERRN dienen, solange es noch Tag ist!“ Und ich durfte wieder nach Panama ausreisen.
Als ich vor meiner Wiederausreise einige Projekte vor dem
Missionskomitee erwähnte, wurde mir gesagt: „Für den Bau eines Schülerinternats
für Guaymi Oberschüler bist Du nun wirklich schon zu alt!“ Trotzdem wurde nach viel Gebet
dieses Projekt genehmigt, begonnen, und in kurzer Zeit fertig gestellt, in dem
nun 18 Schüler während ihrer Schulzeit in Tole eine Heimat gefunden haben.
Um mich noch mit der so modern gewordenen Computer-Wissenschaft zu befassen, meinte ich selbst, dass ich doch schon zu alt sei. Doch als ich das Missionskomitee danach fragte, waren diese der gegenteiligen Meinung und gewährten mir den Kauf eines Computers. Gott fügte es so, dass die New Tribes Mission einen Computer-Experten nach Panama schickte, der mit seiner Frau einen zweiwöchigen Kursus hielt, an dem ich auch teilnehmen durfte. Da saß ich nun mit fast 75 Jahren wieder auf der Schulbank, was mir gar nicht schwer fiel, und sogar Freude machte, und ich konnte dem Unterricht folgen und auch die Hausaufgaben machen. Zu alt oder nicht! Wenn der HERR meines Lebens Kraft ist, so gilt auch für mich, dass meine Kraft ausreicht für alle Aufgaben, die ER für mich hat, selbst wenn es gilt, Neues zu lernen.
Ich freue mich, dass es in Psalm 92 heißt: „Und wenn sie auch alt werden, werden sie dennoch blühen, fruchtbar und frisch sein, dass sie verkündigen, wie der HERR es recht macht, ER ist mein Fels und kein Unrecht ist an IHM!“ Und wie es auch im 103. Psalm heißt ‚dass Gott unseren Mund fröhlich machen will und wir wieder jung werden sollen wie ein Adler!‘ Ja, IHM, unserem ewigen Gott, sei alle Ehre in Ewigkeit!
Wie Gott mich lehrte, Ihm auch in finanziellen Dingen zu vertrauen
Die Tür für die Missionsarbeit im moslemischen Königreich Marokko hatte sich Ende 1959 geschlossen. Nach nur 1 ¼ jähriger Mitarbeit in der Radio Mission „Stimme von Tanger“ musste auch ich dies schöne nordafrikanische Land verlassen. Wohin nun? Was hat Gott mit mir vor? fragte ich mich. Mit großer Klarheit zeigte mir Gott: Bibelübersetzung in vom Evangelium noch unerreichten Stämmen! Ich hatte jedoch noch keine Ahnung, wie das vor sich gehen sollte. Doch hörte ich “zufällig“, dass die Wycliff Bibelübersetzer, die mir völlig unbekannt waren, in England einen dreimonatigen Kursus für Bibelübersetzung anboten. Dazu gehörte auch Sprachanalyse von unge- schriebenen Sprachen. Trotz Überfüllung des Kursus, kurz vor Torschluss wurde ich angenommen, sodass ich nach kurzem Zwischenaufenthalt in Deutschland nach England reisen konnte. Die damals sehr kleine Missionsgesellschaft, die mich nach Tanger ausgesandt hatte, bezahlte mir die Reise und den Kursus in England. Es war dort eine sehr interessante Zeit für mich, wo ich viel lernte und mit vielen Missionaren und Missionskandidaten in Kontakt kam. Gegen Ende des Kursus wurde mir nach einer Zeit des Fastens und Betens klar, dass ich nicht mit der damals schon recht großen Wycliff Mission hinausgehen sollte, sondern mit einer ganz kleinen Mission in ein spanischsprachiges Land. Doch wurde mir klar, dass ich für die Arbeit in einem bisher unerreichten Stamm medizinische Kenntnisse brauchte. Die Missionary School of Medicine (MSM = Medizin Schule für Missionare) in London bot solch einen konzentrierten Kursus für Missionskandidaten an. Da der Missionar in solchen bisher unerreichten Stammesgebieten, wo fast nie medizinische Hilfe vorhanden ist, auch für den kranken Körper der Stammesangehörigen zuständig ist, sind medizinische Kenntnisse unbedingt erforderlich. Ich teilte dies dem Leiter der kleinen Missionsgesellschaft in Deutschland mit, doch er war anderer Meinung und schrieb zurück: “Charlotte, Du bist zu alt! Komm nach Deutschland zurück und wir werden versuchen, für dich eine Arbeit in Deutschland zu finden!“ Nach einem schweren Gebetskampf war es mir klar geworden, dass ich nicht nach Deutschland zurückkehren sollte, sondern mich weiter auf den Missionsdienst in Übersee vorbereiten und an dem einjährigen medizinischen Kursus teilnehmen sollte. Ich schrieb nach Deutschland zurück: “Betrachten Sie mich bitte als unbezahlte Missionskandidatin. Ich muss hier noch diesen medizinischen Kursus machen bevor ich aufs Missionsfeld ausreisen kann.“ Soviel ich mich erinnere, kam keine Antwort und auch kein Geld. Das mir noch übrig gebliebene Geld verbrauchte ich für das Fahrgeld zur Schule und für das nötigste Essen. Bücher und sonstiges Lehrmaterial konnte ich mir nicht kaufen. Ich war in einem Heim in London untergebracht, das deutsche Mädchen aufnahm und von deutschen Diakonissen geleitet wurde. Ich wusste nicht, fragte auch nicht wie viel dort die Unterbringung kosten würde. Ich hatte mit vier anderen Mädchen in einem Zimmer ein Bett und wir bekamen dort jeden Morgen ein Frühstück, für das übrige Essen musste jeder selbst sorgen. Aber mein kleiner Geldvorrat war recht schnell aufgebraucht und es blieb mir noch soviel übrig, dass ich damit noch fünf Tage zur Schule quer durch das große London fahren konnte. An dem Abend, als ich dies feststellte, wurde mir doch recht bange zumute und da ich allein im Zimmer war, warf ich mich auf die Knie vor meinem Bett und sagte: “HERR, habe ich verkehrt gehandelt? Du hast doch gesagt: Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles, nämlich das Irdische, was wir zum Leben brauchen, zufallen! Warum bin ich nun am Ende? Warum bin ich denn nun am Ende ohne Geld für die nötigen Lebensmittel? Wo fehlt es bei mir, denn bei DIR kann es doch nicht fehlen?“ Wie ein Blitz kam die Antwort aus dem Worte Gottes in meine fragenden Gedanken: „Wer Dank opfert, der preiset mich und da ist der Weg, dass ICH ihm zeige das Heil Gottes!“ Psalm 50,23.
Da ist der Weg! Dank opfern! Ja, das hatte ich vergessen. Ich hatte soviel Grund zum Danken: und hatte es nicht getan. Ich war noch gesund und konnte in der feinen Medizinschule studieren. Ich hatte gute Lehrer und gläubige Mitstudenten, hatte auch heute noch etwas zum Essen gehabt, auch genügend Kleidung. Ich fing an zu danken und bat um Vergebung für meinen Undank. Als ich aufstand von meinen Knien, fühlte ich mich so reich wie die Königin von England und schlief dankbar ein. Die wenigen Schillinge waren über Nacht zwar nicht gewachsen, ich musste einige davon wieder ausgeben für die Fahrt zur Schule, aber ich sorgte mich nicht. In der Schule war mit der Morgenpost ein Brief von meiner Mutter aus Berlin gekommen, den ich noch vor Unterrichtsbeginn lesen konnte, doch da lagen zehn Mark bei, was meine Mutter bisher noch nie getan hatte. Ich sagte: „Danke HERR. nun kann ich noch einige Tage mehr zur Schule fahren!“ Für die Mittagsmahlzeit, wo jeder seine belegten Brote mitbrachte, hatte ich nichts, doch ich trank dankbar die Tasse Tee, die in der Schule für alle bereitet wurde. Da sagte eine Mitschülerin zu mir: Charlotte, ich habe heute so viele Brote, die ich nicht allein essen kann. Könntest Du mir dabei helfen? Ja, gern, sagte ich ihr, (sie hatte sonst nie daran gedacht, etwas abzugeben, warum gerade heute?) und ich dankte ihr und dem treuen Gott, der auch an das Mittagsbrot dachte. Mit der Nachmittagspost kam wieder ein Brief von einer ganz armen Bibelschülerin, und zu meinem großen Erstaunen sah ich auch darin einen Zehn-Mark-Schein, den sie für mich beigelegt hatte! „Danke HERR, sagte ich, Du bist so gut!“ Als ich am Abend nach der Schule zum Mädchenheim zurückkam, wo die anderen ihr Abendbrot verzehrten, hatte ich nichts, doch freute ich mich auf das Frühstück am Morgen, das alle bekommen würden. Da sagte mir die Küchenschwester: “Fräulein Teubner, heute ist soviel vom Abendbrot übrig geblieben, hätten Sie Lust noch etwas zu essen?“ Nun, und ob! Ich dankte mit strahlendem Gesicht und verzehrte mit Dank auch diese für mich so ungewöhnliche Gabe. Da meinte die Schwester: Eigentlich könnten Sie immer das Abendbrot mit uns Schwestern essen und Sie brauchen auch nichts dafür zu bezahlen!“ Wie wunderbar! Ich hätte jubeln können, konnte der Schwester aber nicht den Grund dafür sagen, doch ich fragte mich, warum mir die Küchenschwester das gerade heute gesagt hatte!? 0, ein treuer Gott, der sich auch um das Abendbrot Seiner Kinder kümmert!
Ein oder zwei Tage später sah ich auf meinem kleinen Schreibpult, an dem ich beim Unterricht saß, ein Kuvert liegen mit meinem Namen und dem Bibelwort: „JEHOVAH JIREH! Der HERR wird versorgen!“ 1. Mose 22, 14. Welch ein wunderbares Verheißungswort, dachte ich, doch als ich hineinschaute ins Kuvert traute ich meinen Augen nicht, da lagen doch ganze zehn englische Pfund darin, was damals eine ungeheure Summe Geldes war!! Ich konnte aber bald herausfinden, wer das Kuvert da auf meinen Platz gelegt hatte. Es war eine englische Mitstudentin mit Namen Barbara. Ich fragte sie: „Wie kommst Du nur dazu, mir soviel Geld zu geben?“ da sagte sie: Ich habe vom englischen Staat ein Studien - Stipendium bekommen und fragte den HERRN: wem soll ich davon den Zehnten geben? Da sagte ER mir: „Gib es der Charlotte!“
Mit großer Dankbarkeit und Freude ging ich am Abend zu der leitenden Diakonisse des Mädchenheimes und fragte sie nach dem Preis für die Unterkunft in ihrem Heim. „Können Sie denn das bezahlen?“ fragte sie. „Ja,“ erwiderte ich sicher und auch ein wenig stolz und legte ihr das Geld auf den Tisch. Ich konnte nun auch die mir noch fehlenden medizinischen Bücher und Instrumente kaufen und hatte auch noch genug zum Essen! Oh, ein wunderbarer Gott! Doch auch die größte Summe Geldes nimmt ab, bei den täglichen Ausgaben und wenn nichts mehr dazu kommt und ich hatte ja keine menschliche Garantie für weitere Einnahmen, aber ich hatte die größte Garantie, nämlich die meines himmlischen Vaters, von dem Jesus sagt: Euer himmlischer Vater weiß, was Ihr bedürfet! Matthäus 6, 8.
Und so kamen immer wieder Gaben ein, von Freunden aus Deutschland, auch aus der DDR, aus der Schweiz, aus USA, sogar aus Holland von einem mir ganz unbekannten Bruder. Und ich fragte mich oft: Wie kommen diese Leute nur dazu, mir, der deutschen Missionskandidatin in England Geld zu schicken, wo ich doch gar keinen Spendenaufruf erlassen hatte, noch sie meine finanzielle Lage hatte wissen lassen? “Euer himmlischer Vater weiß…!“ und ER legte es diesen, Seinen Kindern aufs Herz, mir das zum Leben Nötige zu schicken!
Eines Tages merkte ich, dass bei dem vielen Regen in London meine Schuhe wasserdurchlässig geworden waren und sehr abgetragen, so dass ich meinte, ich sollte mir mit der nächsten Gabe ein Paar Schuhe kaufen. Doch hatte ich noch gar nicht diese Bitte meinem himmlischen Vater vorgelegt, da rief mich die Leiterin der Medizinschule zu sich und sagte zu mir: „Miss Teubner, können Sie Schuhe gebrauchen? Ich habe hier drei Paar fast neue Schuhe, die ich aber nicht tragen kann. Ich habe auch ziemlich große Füße wie Sie, vielleicht passen sie Ihnen!“ Ich war sprachlos und ging, die Schuhe anzuprobieren. „Sie können alle drei Paar haben, wenn Sie wollen!“ Zwei Paare passten ausgezeichnet und ich trug sie auf den Londoner Strassen, solange ich dort war! Gott sorgt auch für meine Schuhe! Wunderbar!
Zu allem, was ich in diesem Jahre benötigte, reichte es immer. Einer deutschen Mitstudentin, die in ähnlicher Lage war, konnte ich auch noch helfen und wir zogen dann später in ein Mädchen – Heim der Heilsarmee, wo wir auch viel Liebe erfuhren. Gott hatte mich eine wichtige Lektion gelehrt, die ich im Missionsdienst so nötig brauchte: Euer Vater weiß, was Ihr bedürfet! Sein ist Silber und Gold und ER hat Mittel und Wege genug, die Seinen zu versorgen und ihnen die Hände zu füllen, wenn sie auf Seinen Wegen gehen. Die „Raben des Elias“ fliegen noch, auch heute noch, wo sie der HERR unser Gott hin sendet!
GOTTES UNSICHTBARES WESEN, DAS IST SEINE EWIGE KRAFT UND GOTTHEIT, WIRD SEIT DER SCHÖPFUNG DER WELT ERSEHEN AUS SEINEN WERKEN, WENN MAN SIE WAHRNIMMT. Römer 1, 20
HERR WIE SIND DEINE WERKE SO GROSS UND VIEL! DU
HAST SIE ALLE WEISE GEORDNET, UND DIE ERDE IST VOLL DEINER GÜTER!
Psalm 104, 24
Zwischen den Kulturen
Missionare werden oft angeklagt, Kulturzerstörer zu sein. Was versteht man nun unter „Kultur“? Es ist die Art und Weise, wie ein Volk oder eine Volksgruppe ihr Leben gestaltet und was ihnen wichtig und was ihnen unwichtig ist. Welches sind nun die „Prioritäten“ in einem Stamm oder in einer Volksgruppe? Da kam ein afrikanischer Häuptling nach Deutschland und sah die vielen Uhren an den Türmen, in den Häusern, an den Handgelenken der Leute, da sagte er: Ihr habt die Uhren, wir aber haben die Zeit!
Zeit haben ist das große Vorrecht einheimischer Volksgruppen. Man hat Zeit für jeden Menschen, während wir unsere Zeit „einteilen“, denn „Zeit ist Geld“, wie es die Amerikaner ausdrücken,- und so haben wir für den anderen meistens „keine Zeit“!
Ich hatte das Vorrecht im Laufe der Jahre in 7 Kulturen eine Zeitlang zu leben. Diese waren:
1. Die deutsche Kultur meines Heimatlandes
2. Die schweizerische Kultur
3. Die englische Kultur
4. Die amerikanische Kultur
5. Die marokkanische (islamische) Kultur
6. Die Latino-Kultur (von Spanien und Südamerika)
7. Die Guaymi Indianer-Kultur
Man unterscheidet zwischen den Straf- und den
Schamkulturen. Letztere ist besonders in den einheimischen Stämmen üblich. Man
darf z. B. ein Kind nie strafen, sondern es soll sich wegen etwas Unrechtem
schämen (oft ohne dass es ihm gesagt wurde). So weiß ich von zwei Indianerkindern. die mit Streichhölzern
spielten und dabei ihr Haus abbrannten, sie wurden aber nicht bestraft und
spielten weiter, als wäre nichts geschehen. Ungehorsam und böse Taten werden nicht bestraft, oft wird
nicht einmal von den Eltern erklärt, was gut oder böse ist. Wohl die Schlimmste „Sünde“ ist bei den
Guaymis, wenn man sich ärgert und dies dem anderen zeigt oder sagt. Er oder sie
hat keine Geduld, sagt man und damit verliert man alle Autorität bei ihnen! Ich
hatte verschiedene Male die Geduld verloren und dies dem anderen in der
deutschen Weise gesagt oder gezeigt. Das hatte zur Folge, dass die betreffende Person nicht mehr mit mir
redete! Da ist ein gläubiger Bruder, zu dessen Frau ich etwas vom biblischen
Standpunkt aus, zur Korrektur gesagt hatte, aber in einem ärgerlichen Ton. Das
wurde ihm von
seiner Frau gesagt, woraufhin
er die Verbindung zu mir aufgab und nicht mehr zur Kirche kommt, obgleich
verschiedene Brüder mit ihm darüber redeten und ich ihn schriftlich um
Vergebung bat! Wenn man sich von
jemandem beleidigt fühlt, oft auch bei seelsorgerlichen biblischen Ermahnungen,
darf man, nach altem Brauch, es ihm nie mehr vergeben. Wie schwer ist es auch bei Christen
diese alten Kulturbräuche aufzugeben und in allem die christliche Kultur der
Bibel an ihre Stelle zu setzen! Es
handelt sich ja oft um ein völliges Umdenken und in einem neuen Leben und
Kulturbereich zu wandeln!
Man ist ja heute bestrebt, das Weltbürgertum als neue Weltkultur einzuführen, dessen wichtigste Haltung die TOLERANZ ist. Jeder muss alle, auch die sündigste Art des anderen im Zusammenleben anerkennen und nicht kritisieren und nicht zu ändern versuchen! Das wird besonders deutlich in der Islamischen Kultur, die ja eine Männerkultur ist. Frauen haben keine eigenen Rechte, sie müssen sich in allem den Männern unterordnen und dem, was das Haupt der Familie über die betreffende Frau bestimmt. Islam heißt ja Unterwerfung (unter Allah und seinen Propheten Mohammed!) Deshalb ist die christliche Religion die Zerstörung der islamischen Kultur, die ja die Unterwerfung der Völker unter ihren Glauben anstrebt!
Auch die amerikanische Kultur ist in manchen Punkten sehr verschieden von der deutschen. „Wir haben keine festen Kulturregeln!“ sagte man mir und doch prallte ich in manchen Punkten sehr mit Amerikanern zusammen. Da wollte ich mich einmal mit einem deutschen Mitmissionar in Deutsch unterhalten und ich machte nach deutschem Ordnungssinn die Tür hinter mir zu und das war der größte Fehler, den ich machen konnte und wofür ich strengstens gemaßregelt wurde. Selbst der deutsche Missionar, dessen Braut (ohne Englisch Kenntnisse) nach USA zu ihrer Hochzeit kam, durfte sich nicht mit ihm bei geschlossenen Türen unterhalten. Deshalb mussten sie schnellstens sich offiziell verheiraten, dann konnten sie bei geschlossenen Türen sich unterhalten!!
Auch für das Essen gibt es viele sehr verschiedene Regeln. Während wir uns miteinander an den Tisch setzen, um gemeinsam zu essen, empfängt ein Guaymi-Indianer mit abgewandtem Gesicht das Essen von der Gastgeberin und stellt sich damit in eine Ecke, doch so, dass keiner in seinen Essensnapf hineinschauen kann, denn ein anderer könnte ja mit dem Bösen Blick das Essen anschauen und es in Krankheit verwandeln, wovon der Essende dann sterben würde! Ich versuchte manchmal die englischen Essensregeln zu erklären und zu praktizieren, wo jeder sich um seinen nächsten rechten und linken Tischnachbarn kümmern muß, denn man darf nicht nach irgendeiner Sache am anderen Ende des Tisches rufen oder es hinüber holen, was in USA durchaus erlaubt ist. Für den englischen Gentleman sind solche Tischregeln und andere Höflichkeitsregeln sehr wichtig.
Während man bei uns ein Kind nach seinem Namen fragen darf, ist dies bei den Indianern streng verboten, denn der Name ist Teil der Persönlichkeit, auf den ein Zauberfluch gelegt werden kann, sodass dann das Kind erkrankt und stirbt. Deshalb haben die Guaymis zwei Namen, von denen dann nur der spanische Name genannt wird.
Eine interessante Kulturregel sah ich bei den Russen, die nach dem Kriegsende in unsere Häuser eindrangen und das für sie Wertvolle aussuchten: Wodka (Alkohol) war das erste, danach Uhren. Von einem Übersetzer hörte ich dann, dass die höchste Position in Russland die Schullehrer einnehmen, nicht andere Akademiker, So lernte ich den Satz in Russisch auswendig: „Ich bin Lehrerin!“, denn ich war in dieser Zeit als Religionslehrerin an Berliner Schulen eingesetzt worden. In einer lebensgefährlichen Situation, wo russische Offiziere uns Deutsche ,die wir im offenen Teil des Wagens dicht an einandergedrängt standen vom fahrenden Zuge hinunterwerfen wollten, stellte ich mich vor den russischen Offizier und sagte ihm hoheitsvoll meinen russischen Satz „Ich bin Lehrerin“, worauf er mich staunend ansah und sich in seine Kabine zurückzog. So waren wir (etwa 15 Personen) gerettet!! Auch bei einer anderen Gelegenheit rettete mich dieser kultureigene Satz!
Russen sind ein sangesfreudiges Volk und von einem mir bekannten gläubigen Opernsänger, der in russischer Gefangenschaft war, wurde den russischen Offizieren gesagt, dass er ein Sänger sei. Sofort wurde er von aller Schwerarbeit befreit und durfte nur noch singen, wobei er auch viele Glaubenslieder den Russen vorsang!
Wie verhalten wir uns nun, wenn wir in eine andere Kulturgruppe hineingestellt werden?
„Prüfet alles, aber das Gute behaltet!“ sagt die Bibel. Es gibt vieles in jeder Kultur, das neutral ist und nicht als böse oder gut bezeichnet werden kann, wie z. B. das Essen mit Stäbchen oder mit Messer und Gabel oder mit den Fingern. Doch wenn es sich um Zeichen der Zauberei in dieser Kultur handelt, müssen wir da nicht mitmachen, sondern den Gastgebern erklären, dass wir hierbei nicht mitmachen können und es ihnen vom biblischen Standpunkt her klarmachen. Auch wenn es sich um die Behandlung von Krankheiten handelt, die ja nach dem Glauben der Guaymis immer durch böse Geister oder durch Zauberflüche verursacht sind, könnte bei ihnen nder Zauberer heilen und helfen und man muss ihm ganz gehorchen. Einem Bruder wurde gesagt, dass er seine Bibel wegwerfen müsse und nicht an Gott denken, dann könnte der Zauberer ihn gesund machen. Aber als Christen können wir auch unter Menschen in ganz anderen Kulturen leben, denn die Liebe Christi ist immer das Band, das uns mit anderen Menschen zusammenbindet und die Brücke zu ihren Herzen ist, nämlich die Sprache der Liebe, die jeder versteht! So werden wir nicht ihre Kultur zerstören, sondern die Menschen zu Gott führen und damit in die herrliche Freiheit von Sündenschuld und von dämonischen Bindungen!
„Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass ER die
Werke des Teufels zerstöre.“
1. Johannesbrief 3, 8
Das lebendige Wort Gottes
„DAS WORT GOTTES IST LEBENDIG UND KRÄFTIG UND
SCHÄRFER ALS JEDES ZWEISCHNEIDIGE SCHWERT, UND DRINGT DURCH, BIS ES SCHEIDET
SEELE UND GEIST, AUCH MARK UND BEIN, UND IST EIN RICHTER DER GEDANKEN UND SINNE
DES HERZENS.“
Hebräer 4, 12
In den Nachkriegsjahren war ich von 1949 bis 1952 im Reisedienst der Gemeinschaftsjugendkreise in der damaligen DDR tätig. Als Westberlinerin war dies ein nicht ganz ungefährlicher Auftrag. Jedes Mal bevor ich solch eine Reise von zehn Tagen bis zwei Wochen antrat, überfiel mich eine große Angst und ich dachte: wie wird es wohl diesmal ausgehen? Werde ich irgendwo in einem DDR-Gefängnis landen oder wieder unangefochten nach Westberlin zurückkommen?! Doch sobald ich die damalige Grenze zur DDR überschritten hatte, umgab mich Gott wie mit einer feurigen Mauer, sodass alle Angst verschwand.
Einmal, es muss wohl 1950 gewesen sein, wurde ich in einige Jugendkreise der Provinz Brandenburg eingeladen und zu einer dreitägigen Jugendevangelisation nach Jüterborg. Mein Hauptquartier war dort in einer „Herberge zur Heimat“, wo auch der Prediger wohnte und die Gemeinschaftsstunden stattfanden. An jedem Abend vor dem Einschafen hörte ich draußen den melancholisch-melodischen Gesang der russischen Soldaten, die zu ihren Nachtmärschen ausmarschierten. Es war immer eine kräftige Tenorstimme, die einige Zeilen allein sang, und dann stimmten alle Männer im Bass ein. Jeder hatte Angst vor diesen meist angetrunkenen Russen, und keiner mochte ihnen in der Nacht begegnen. Doch ich fühlte mich sicher und geborgen in meinem Bett in der „Herberge zur Heimat“!
An drei Abenden hatte ich über ein evangelistisches Thema vor dem dortigen kleinen Jugendkreis zu sprechen. An einem Abend war mein Thema die Pilatusfrage in Matthäus 27, 22: „Was soll ich denn machen mit JESUS?“ Ich weiß nicht, was ich damals zu den Jugendlichen sagte, nur soviel, dass ich sie fragte:
Was wollt ihr denn machen mit Jesus? Wollt ihr IHN auch ablehnen wie Pilatus, oder IHN als Euren HERRN und König aufnehmen?! Die Frage drang manchem ins Herz, und die Jugendlichen wurden sehr still, als ich sie bat, dass jeder für sich im Gebet dem HERRN darauf eine Antwort geben sollte. Es waren wohl sechs Mädchen, die an ihrem Platz auf die Knie gingen und offensichtlich ernstlich beteten. Sie wollten nicht nur dem HERRN eine positive Antwort geben, sondern auch vom HERRN Jesus die Antwort und Gewissheit bekommen, dass ER sie angenommen hat. Und so rangen sie im Gebet, jede für sich, wohl etwa halbe Stunde bis sie die Gewissheit bekommen hatten, Ja, ich bin angenommen und ich bin ein Kind Gottes! Strahlend saßen sie dann wieder auf ihren Plätzen, und als wir die nicht kurze Versammlung schlossen, war es doch spät geworden. Etwa vier von den sechs Mädchen wohnten in einem anderen Stadtteil und sagten: Wir trauen uns nicht allein auf die Strasse um diese Zeit, wegen der Russen! Ich sagte ihnen: Ich komme mit Euch und bringe Euch nach Hause! (Obwohl ich ja gar kein „Schutz für sie sein konnte, zumal ich die Gegend gar nicht kannte!) So ging ich mutig mit ihnen durch die dunklen Strassen, als auf einmal ein großer Lastwagen mit russischen Soldaten beladen, bei uns vorbeifuhr. Als uns die Soldaten erblickten, stimmten sie ein heiseres Siegesgeschrei an, das uns wie ein Gebrüll aus der Hölle erschien. Und der Fahrer des Lastwagens stoppte neben uns, und die Soldaten wollten gerade herunter springen und sich auf uns stürzen…! HERR, erbarme Dich unser, war unser aller Gebet! Da fuhr der Lastwagenfahrer wieder weiter mit seinen Soldaten, und wir waren errettet, dachten wir. Doch wieder stoppte er, und wieder dieses heisere Gebrüll der Hölle! Jetzt ist es aus mit uns, dachten wir, HERR hilf uns! Und der Lastwagen mit seinen angetrunkenen russischen Soldaten fuhr wieder weiter und verschwand in der Ferne! Danke, danke HERR, DU bist unser Zuflucht für und für! Wir rannten, und jede verschwand in ihr Haus und ich rannte zurück zu meiner „Herberge zur Heimat“ !
Als ich später wieder im sicheren Westberlin war, wurde uns bösen Westberlinern nicht mehr erlaubt, die DDR oder die „Russische Zone“, wie wir sie nannten, zu betreten. Doch von dort durften wir noch Besuch empfangen, bis später die Mauer gebaut wurde und auch dies nicht mehr möglich war. Aber vier von den Mädchen aus Jüterborg kamen zu uns zu einigen Jugendveranstaltungen und wir freuten uns, dass trotz aller Gefahren, die Mädchen weiter treu dem HERRN gefolgt waren! Ich habe nun den Kontakt mit ihnen verloren, doch ich freue mich, wenn ich sie wieder sehen werde vor dem Throne des Lammes‚ das sie errettet hat von aller Furcht und Sünde und sie zu Seinen Kindern und Erben des ewigen Lebens gemacht hat!
Singet dem HERN ein neues Lied
SINGET DEM HERRN EIN NEUES LIED, SINGET DEM
HERRN, ALLE WELT! SINGET DEM HERRN UND LOBET SEINEN NAMEN!“
Psalm 96,1. 2
“JAUCHZET DEM HERRN ALLE WELT, SINGET, RÜHMET UND
LOBET! LOBET DEN HERRN MIT HARFEN, MIT HARFEN UND PSALMEN! MIT TROMPETEN UND
POSAUNEN JAUCHZET VOR DEM HERRN, DEM KÖNIG!“
Psalm 98, 4 – 6
Es war an einem Sonntagmorgen im Juli zu Beginn der zwanziger Jahre. Der Posaunenchor der Berliner Stadtmission spielte auf einem der Hinterhöfe der großen Weltstadt Berlin einige Choräle zur Ehre Gottes. Bewegt lauschte die junge Frau eines der Bläser den erhebenden Klängen der Musik und mit Dank und Freude gegen Gott betete sie auch für das Kleine, das nun wohl bald das Licht der Welt erblicken würde, ihr zweites Kind. Noch am Abend des gleichen Tages, kurz vor Mitternacht kam es zur Welt. Es war ein Mädchen, das die Eltern Lottchen nannten und das schon bald eine besondere Vorliebe für Musik, besonders die des Posaunenchores, zeigte. Ob es wohl schon vor seiner Geburt die mächtigen Klänge des Posaunenchores hat hören und mit Freuden wahrnehmen können?! Mit Wonne lauschte es den frohen Evangeliumsliedern, die die Mutter ihr ins Herz sang und bald stimmte sie mit ihrem hellen Stimmchen mit ein. Singen und Musizieren das war die besondere Freude der Familie im Alltag und der Höhepunkt bei Familientreffen und auch, wenn nach den Sonntagabend - Gottesdiensten die Jugendlichen sich noch bei Familie Teubner trafen. Harmonium -, Posaunen - und Gitarrenmusik und auch das Mitsingen im gemischten Chor ihrer Landeskirchen - Gemeinde war die ganze Wonne der ältesten Tochter, wie auch ihrer drei Geschwister, die bald einen „Familienchor“ bildeten. Dass das Singen ein biblischer Befehl war, hatten sie noch nicht so gesehen, dennoch war das Singen und Gott - Loben Bedürfnis und Freude zugleich.
Bei den Kämpfen um den Schritt zur Lebensübergabe an Jesus, als ihren HERRN half ihr ein Lied zur Klarheit:
Gott rufet noch, sollt ich nicht endlich hören,
wie lass ich mich bezaubern und betören.
Die kurze Zeit, die kurze Freud’ vergeht,
und deine Seel` noch so gefährlich steht!
Dieses oft geprobte Lied sang ein Jugendchor von 200 Sängern bei dem Himmelfahrtsgottesdienst im Berliner Grunewald, aber unter ihnen war eine 16-jährige Sängerin, die die letzte Strophe anders als die übrigen sang, nämlich als ein Gebet der Hingabe:
Ach nimm mich hin, DU Langmut ohne Maße,
Ergreif mich wohl, dass ich Dich nicht verlasse!
HERR, rede DU,—ich geb’ begierig acht:
Führ wie DU willst, ich bin in Deiner Macht!
Und sie wusste es, nun ist es geschehen, die Hingabe von meiner Seite und die Annahme von Gottes Seite, und tiefer Friede und Freude erfüllte ihre Seele. „Führ, wie DU willst, ich bin in Deiner Macht!“ – Doch dass dieses Führen sie bis ans Ende der Welt, bis auf eine ganz entlegene Bergstation in Panama zu einem Bergindianerstamm bringen würde, ahnte sie damals noch nicht, und es dauerte noch viele Jahre, durch Kriegs- und Nachkriegswirren hindurch, bis der schon damals in der Kindheit erwachte Wunsch, Missionarin zu werden, Erfüllung fand.
Wie wunderte sie sich über das schleppende, unmelodische Singen der jungen Guaymi - Indianer-Gemeinde, die dort schon einige Jahre vor ihrem Kommen entstanden war! Doch immer wieder betonten sie es: “Wir singen zur Ehre Gottes“ und sie meinten es wirklich so, denn früher im Heidentum hatten sie kein Singen gekannt und singen, was sie auch “fröhliche Worte“ nannten, war Ausdruck ihrer Freude am HERRN!
Einmal bekannte ihr eine junge Indianerfrau eine große Sünde, wie sie sagte, Was war´s? – „Ich habe zwei Monate lang nicht gesungen, weil ich so traurig war!“ Eine große Sünde?! – Ja, in der Bibel heißt es doch: „Singet, preiset, lobet, rühmet den HERRN!“ – und das ist doch ein Befehl Gottes an uns. Und diesem Befehl Gottes bin ich ungehorsam gewesen!
Und so kam es auch, dass die Indianer die Gläubigen in zwei Gruppen einteilten: die echten, fröhlichen Christen, nämlich die, die singen, und die unechten, traurigen Christen, die Halben, die nicht singen! Und dann gehörten die meist zu beschäftigten, nicht allezeit singenden Missionare zu der Gruppe der halben Christen! Doch zu diesen wollte sie sich aber nun nicht zählen lassen, und so begann sie jeden Kliniktag dort auf der kleinen Bergstation vor dem Beginn der Krankenbehandlung damit, dass sie erst eine Stunde mit den anwesenden, wartenden Patienten, Evangeliumslieder sang, die sie auf der Gitarre begleitete! Das machte sie selbst auch so froh in dem oft niederdrückenden Alltag mit den vielen Kranken!
Als dann eine holländische Krankenschwester kam und den Dienst an den
Kranken übernahm, da konnte sie alle ihre Zeit der Übersetzung des Neuen
Testamentes in die Sprache ihres geliebten Guaymi - Volkes widmen. Doch wie
gern hätte sie auch nebenbei noch Evangeliumslieder in die Guaymi - Sprache
übersetzt! Nur eine kleine Sammlung von einigen Chorussen war in der Guaymi -
Sprache vorhanden und diese wurden immer und immer wieder gesungen, doch sonst
und in den Gottesdiensten wurden die Lieder in der spanischen Sprache gesungen
und der Text von den meisten kaum verstanden, aber man sang eben die
„fröhlichen Worte“, die man nicht verstand.
Eine Reihe von vielen langen Jahren verging, bis es endlich hieß: „Charlotte, weil die Tür zur weiteren Übersetzungsarbeit für Dich nun verschlossen ist, könntest Du doch einfach mal eine Reihe von Evangeliumsliedern aus dem Spanischen in die Guaymi - Sprache übersetzen und ein Guaymi - Liederbuch zusammenstellen!“ Dies geschah Ende 1985 und Anfang 1986 neben manchen anderen kleinen Diensten im Übernachtungsheim an den durchreisenden Indianern, in Tolé. Und die erste kleine Probeausgabe eines Guaymi - Liederbuches mit 20 Liedern und Chorussen wurde Anfang April 1986 fertig gestellt. Neben der Bibel war das spanische Gesangbuch bisher das meist gekaufte und wichtigste Buch für die Indianer. Wie froh sind wir nun, ihnen auch ein kleines Liederbuch in ihrer eigenen Sprache anbieten zu können, auch mit dem gesungenen Text auf Kassetten, auf das sie so lange Jahre schon gewartet und immer wieder danach gefragt hatten. Und so können sie nun das Evangelium im Lied in ihrer eigenen Sprache mit Verständnis singen, welch eine Freude!
LEHRET UND VERMAHNET EUCH SELBST IN ALLER WEISHEIT MIT PSALMEN UND LOBGESÄNGEN UND GEISTLICHEN LIEDERN UND SINGET GOTT DANKBAR IN EUREM HERZEN!
4 Glaubenserfahrungen
Sie kennen sich am Liede, am leuchtenden Gesicht!
Es war zu Beginn des Zweiten Weltkrieges, als ich meine 3-jährige Lehrzeit in einer Berliner Apotheke beendet hatte, dass ich mich zum Reichsarbeitsdienst meldete. Mit einer gewissen Begeisterung und Abenteuerlust fuhr ich zu dem für mich bestimmten Ort Falkenberg in der Mark Brandenburg. Dort war ich nun zum ersten Mal, nachdem ich zu Hause immer in einer christlichen Umgebung gelebt hatte, in einer ganz gottlosen Umgebung. Ich fand es zunächst interessant, machte aber keinen Hehl von meiner christlichen Einstellung. Man ließ mich als Freiwillige gewähren und die Führerinnen hielten mich für etwas rückständig, aber Hauptsache war, dass ich ihnen gehorchte und dass ich nichts gegen den Führer sagte! Ich wurde eingeteilt einer Bauernfrau, deren Mann als Soldat eingezogen war, auf ihrem Bauernhof zu helfen, was ich gern und willig tat: Schweine füttern, beim Heu Einfahren helfen und manches andere. Eines Tages war ich mit anderen auf dem Heuboden, wo wir das Heu verteilen mussten. Da hörte ich plötzlich bei einer Ruhepause in einer Ecke eins der Mädchen, die von einem anderen Bauernhof mithalfen, ein Lied singen. Was sang sie nur? Es war eine mir bekannte Melodie:
Es pilgert durch die Lande erlöst die sel’ge
Schar,
In ihren Reih‘n tönt leise ein Lied gar wunderbar,
Es klingt im Land der Tränen wie lauter Jubelklang
Es singt trotz tiefem Sehnen von Sieg der Lobgesang!
Was war das für eine Freude, gerade dies Lied von einer mir Unbekannten, die aber doch zur Familie der Gotteskinder gehörte, zu vernehmen! Ich ging zu ihr hin und sagte zu ihr: “Sie sind ein Gotteskind? Ich gehöre auch zu dieser Familie! Wie freue ich mich, Sie hier zu treffen!“ Sie teilte mir die Bibelstunden mit, die sie in ihrem Hause abhielten, doch erhielt ich von der Lagerleitung keine Erlaubnis, dort hinzugehen, nur am Sonntag ausnahmsweise zum kirchlichen Gottesdienst, zu dem außer mir nur noch eine Arbeitsmaid mitging. Soviel ich mich erinnere, habe ich dies Bauern-Mädchen nie mehr getroffen, doch das beglückende Gefühl auch in gottloser Umgebung nicht allein zu sein, hat mich nie verlassen und ihr Lied blieb mir unauslöschlich eingeprägt:
Und wo sich Seelen finden, die einen stimmen’s
an,
Das ew‘ge Lied vom Lamme, von dem, was ER getan,
Die anderen singen‘s weiter, es braucht der Worte nicht,
Sie kennen sich am Liede, am leuchtenden Gesicht!
Ja, das leuchtende Gesicht, wie oft bin ich ihm begegnet unterwegs, bei den vielen Reisen und Fahrten, die ich machen durfte! Da war ich 1948 in England für etwa zwei Monate und wurde von einem mir unbekannten englischen Ehepaar zu einem Besuch nach Devon eingeladen. Der Mann, ein Schuldirektor, schrieb mir, wie ich fahren sollte, und dass er mich am Bahnhof von Exeter abholen würde. Doch wie sollte er mich erkennen, fragte er in seinem Brief an. Es ist schwer, sich selbst zu beschreiben, doch schrieb ich ihm, dass ich eine Gitarre tragen würde und dass ich ein “christian smile“ (ein christliches Lächeln oder ein ‘‘leuchtendes Gesicht“)hätte, woran ich zu erkennen sei. Er hat mich schnell erkannt, als ich vom Zug ausstieg und mich etwas unsicher umsah und ihn dann auf mich zukommen sah, und er mich fragte: “Are you Miss Teubner?“ Yes, sagte ich! Aber an mein „Christian Smile“ hat er sich noch Jahre nach unserem ersten Treffen erinnert, wie er mir ca. 50 Jahre später im Jahre 2000 schrieb.
Im Reisedienst, den ich jahrelang machen musste oder durfte, wurde ich in die große Industriestadt Essen eingeladen zu einer Studentengruppe. Ich wusste nicht, wer mich am Bahnhof abholen würde und in dem Gewühl von solch einem großen Bahnhof würde es wohl schwer sein, jemand, den man nicht kennt, zu treffen. Da hörte ich beim Aussteigen die Stimme des Bahnhofsvorstehers über den Lautsprecher ertönen. ‘‘Fräulein Charlotte Teubner soll sich im Büro des Bahnhofsvorstehers melden!“ - . „O, was habe ich nun verbrochen? dachte ich! Doch da sah ich schon, als ich meinen Fuß vom Zug auf den Bahnsteig setzte, das leuchtende Gesicht eines Studenten vor mir, der siegesgewiss auf mich zusteuerte und sagte: “Sie sind doch Fräulein Teubner?! Und ich bin von der Studentengruppe und komme Sie abholen!“ Welche Freude! Und der gefürchtete Besuch beim Bahnhofsvorsteher fiel damit weg! Das Auto des Studenten war ein Motorrad, auf das ich mich schwingen musste und sehen, dass ich nicht herunterfiel, denn neben mir und meinem Gepäck auf dem Rücksitz, war nicht viel Platz, und die Reise zu meinem Quartier war in der großen Stadt doch ziemlich weit. Doch der Student lobte mich, weil ich mich so gut in die Kurve legen konnte, wenn er eine Linkskurve machen müsse!
Ein anderes Mal wurde ich zu einer Gruppe des Deutschen Frauen Missions Gebetsbundes nach Bayern eingeladen. Ein neues Gebiet für mich und ich kannte ja schon die Leiterin, die mich sicher am Bahnhof abholen würde. Doch als ich in Würzburg ausstieg, war sie nicht zu sehen, nur ein mir ganz unbekannter Herr mit einem freundlich leuchtenden Gesicht kam mir entgegen: „Sie sind doch sicher Fräulein Teubner!“ sagte er siegesgewiss zu mir. „Meine Frau hat mich geschickt, Sie abzuholen: Sie hat mir aber kein Erkennungszeichen gegeben, ich würde Sie schon finden!“ Und so war es. Eine interessante Fahrt durch Würzburg folgte und der Bruder in Christo, der ein Baumeister von Beruf war, erklärte mir vieles, und sagte: “Ich war jetzt so böse mit dem Kaiser Barbarossa!“ - “Wie kann das denn sein“, fragte ich erstaunt, „er ist doch schon bald tausend Jahre tot!“ - “Ja, er hat hier in Würzburg seinen Palast gehabt, der aber lange nicht mehr steht. Und ich hatte ein Gemeindehaus zu bauen in dieser Gegend und musste dabei herausfinden, wo sein Palast gestanden hatte, denn darauf durfte ich ja kein Gemeindehaus bauen! Und so musste ich beim Ausschachten für die Grundmauern jeden Spaten voll Sand durchsieben und sehen, ob dabei vielleicht noch Reste von seinem Palast zu finden seien, was allerdings nicht der Fall war. Wir fanden nichts!“ Inzwischen waren wir in seinem schönen Haus angekommen, wo mich seine Frau, die mir bekannte Bezirksmutter, freudig begrüßte und ich durfte dann in dem von ihrem Mann erbauten Gemeindehaus, wo man die Reste von Kaiser Barbarossas Palast nicht finden konnte, von Gottes Wirken in Panama erzählen.
Ich hatte das Vorrecht, während der DDR Zeit dort drei Jahre lang die Gemeinschaftsjugendkreise zu besuchen und Jugendstunden zu halten und die oft bedrängten christlichen Jugendlichen im Glauben zu stärken und vom Wort her zu ermutigen. Dabei kam ich auch nach Thüringen und war in Bad Blankenburg bei der Familie von Alfred Modersohn, dem Sohn des bekannten Evangelisten Ernst Modersohn einquartiert. Einige Jahre nach meinen DDR Besuchen von 1949-52, (man ließ mich danach nicht mehr in die DDR einreisen, da ich ja böse Westberlinerin war), wurde es immer schwieriger für die christlichen Werke unter dem kommunistischen Regime weiterzuarbeiten. Auch die Harfe Druckerei in Bad Blankenburg war davon betroffen, die von Alfred Modersohn geleitet wurde. Er bekam kein Papier zum Druck von Bibeln und christlichen Büchern. Doch eines Tages erhielt er von Schweden eine große Papiersendung für den Druck von Bibeln. Welche Freude! Doch die kommunistischen Behörden brauchten auch Papier für den Druck ihrer atheistischen Bücher und anderem Propaganda Material. Und es war gerade eine Zeit, in der man die Kirchen und christlichen Werke aufs Korn nahm und ausmerzen wollte. Einige der leitenden Brüder der Gemeinschaftsbewegung waren schon im Gefängnis um ihres Glaubens willen. Es war dem Bruder Modersohn klar, dass auch er bald drankommen würde, wenn er nicht nach Westberlin flüchtete, wie viele es um diese Zeit taten. Doch dann wäre sein kostbares Bibelpapier auch - mit Recht - beschlagnahmt worden! Und so blieb er und wartete. Bis eines Nachts es rauh an die Tür polterte und die Volkspolizei draußen stand und verlangte, dass er sofort mitkommen sollte. Wohin? lns nächste größere Gefängnis, wo schon viele eingekerkert waren. Den Grund dafür sagte man ihm nicht. Er wurde in eine Einzelzelle gesperrt und die Eisentür hinter ihm zugeschlossen. Doch wurde er gerade in dieser trostlosen Lage mit solch tiefer Freude erfüllt, dass er an das Wort Jesu erinnert wurde: „Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um Meinetwillen schmähen und verfolgen… Seid fröhlich und getrost…!“ Und das war er, fröhlich und getrost, so fröhlich, dass er am liebsten gesungen hätte, doch das war hier nicht erlaubt. Aber pfeifen konnte er, das kann keiner verbieten! Und so pfiff er laut und freudig das bekannte Jugendbundlied vor sich hin:
„Ich hab einen herrlichen König, den einzig
erkenne ich an,
Ich will keinen andern auf Erden und stünd ich allein auf dem Plan!
Jesus. mein Stolz, meine tiefe Ruh, Jesus Dir jauchze ich selig zu,
Ich hab einen herrlichen König. o Jesus, Jesus nur DU!“
Als er die erste Strophe gepfiffen hatte, hörte er aus einer anderen Zelle einen Gefangenen die gleiche Melodie des gleichen Liedes pfeifen und der gefangene Bruder Modersohn wusste, ich bin hier nicht allein, ein anderer Christ ist mit mir hier gefangen! Welche Freude! Doch als dieser mit der Pfeifmelodie fertig war, hörten beide aus einer anderen Zelle einen Gefangenen die gleiche Melodie pfeifen. Noch ein dritter gläubiger Gefangener ist hier mit uns eingekerkert! Wir sind zu Dritt um Jesu Namen zu verherrlichen hier im Gefängnis! Welche Freude und Ehre, um Jesu willen zu leiden! Doch mit dem dritten Gläubigen war das Pfeifkonzert noch nicht beendigt, ein vierter stimmte die gleiche Melodie an und ließ die anderen drei wissen: hier ist noch einer um Jesu willen gefangen gesetzt! Wie hat dieses Lied die Brüder hinter Gefängnismauern erquickt und gestärkt, dass sie nicht traurig sein konnten. Keiner wusste, wer der andere “Pfeifer“ war, aber doch soviel, dass er ein Gotteskind war, denn kaum jemand anders kennt dieses Lied aus dem EC - Liederbuch, das in den Gemeinschaftsjugendkreisen gesungen wird! Und durch die Macht des gläubigen Gebetes vieler nicht eingekerkerter Christen konnten nach wenigen Wochen die vier Brüder freigelassen werden, auch andere, die in anderen Gefängnissen eingesperrt waren! Gottes Wort ist nicht gebunden!
Bruder Alfred Modersohn erzählte mir dies Erlebnis, als ich ihn einmal zufällig auf einem Bahnhof traf. Und dann sagte er siegesfroh: “Und nun werden Bibeln gedruckt auf dem Papier aus Schweden, um dessentwillen ich damals im Gefängnis saß!“ Ja, wir haben einen herrlichen König und HERRN, der größer ist als alle Macht und Widerstand des Feindes!
Während der Nachkriegszeit wohnte ich mit meinen Eltern und Geschwistern in Westberlin im Britischen Sektor dieser großen, von Bomben zerstörten Stadt, wo ich als Religionslehrerin in einer der Charlottenburger Schulen eingesetzt worden war. Eines Tages, Anfang 1948 erhielt ich eine Einladung von der Britischen Erziehungskammer, dass ich mich bei ihnen melden sollte. Die dortige Leiterin eröffnete mir zu meinem großen Erstaunen, dass ich eine Einladung nach England bekommen hätte! “Aber ich kenne doch dort niemand,“ sagte ich. “Das macht nichts,“ meinte die freundliche Miss Bailey, “wir schicken Ihnen die Fahrkarte für den Alliierten Zug zu und auch für die weiteren Fahrten bis London, einschließlich der Schiffahrt über den Kanal von Hoek von Holland bis Harwich!“ Mir wurde fast schwindelig bei all diesen Namen und Orten und ich wusste nicht, was ich sagen sollte, als nur die Einladung dankend anzunehmen und mich auf den Abreisetermin vorzubereiten! Wer mich eingeladen hatte und wozu, war mir schleierhaft ‚aber ich wagte auch nicht, mich näher zu erkundigen. Westberlin war ja eine Inselstadt, die niemand verlassen konnte, weil ringsherum die Russische Zone war, die man als Westberliner nicht ohne besondere Erlaubnis (die man nicht bekam) durchreisen konnte! Und nun diese Einladung!! Dazu noch mit dem Alliierten Zug, zu dem nur Britische, Amerikanische oder Französische Soldaten Zugang hatten! Doch die abenteuerliche Wunderreise fand statt und ich traf im Zug von Berlin noch vier andere Jugendliche, die auch nach England eingeladen worden waren und die etwas mehr wussten als ich. Und ab Hannover, auf der anderen Seite der Russischen Zone, stiegen noch 25 weitere Deutsche Jugendliche zu, mit dem gleichen Ziel! Dann kann es ja nicht schief gehen, dachte ich, die werden schon wissen, wo es hingeht irgendwo im Norden von England! Nach einer abenteuerlichen Fahrt über den Ärmelkanal empfing uns 30 Deutsche ein netter Mann, ein ehemaliger Major der britischen Luftwaffe, der etwas besonders „Leuchtendes“ an sich hatte. Mit einem weiteren Zug und dann einem Bus fuhren wir bis Carnforth, bis wir dann auf gewundenen Wegen plötzlich vor einem riesengroßen wunderbaren altenglischen Schloss standen. Die großen Schlafräume wurden uns zugewiesen und dann sollten wir uns zur meeting hall begeben. Was waren das nur für Räume: hohe vergoldete Decken, riesige Gemälde, alles für Prinzen und Prinzessinnen eingerichtet! Und dann stimmte mit Klavierbegleitung der Major zusammen mit den englischen Gästen das Lied an: „Crown Him with many crowns, the Lamb upon His throne!“ („Krönt IHN mit vielen Kronen, das LAMM auf Seinem Thron!“) – Hier muss ich im Himmel sein! dachte ich, diese Pracht und diese Anbetung des Lammes Gottes! An dem Lied hatte ich erkannt, dass ich hier unter lauter Gotteskindern war, die Jesus liebten und Seine Erlösungstat für sich in Anspruch genommen hatten! Ich kam mit den anderen vier Jugendlichen aus dem zerstörten armen Berlin und wir waren nun in den Reichtum der englischen Gottesfamilie aufgenommen! Aber meine deutschen Mitreisenden gehörten noch nicht dazu, doch durch die tägliche klare Wortverkündigung wurde einer nach dem anderen auch hinzugefügt, sodass sie nach ca. sechs Wochen als neue Glieder der großen Gottesfamilie mit leuchtenden Gesichtern von Capernwray Hall nach unserer armen Heimat zurückfahren konnten!
Ganz anders war mein Besuch in Wien, wo ich meinen im Krieg verwundeten
Bruder im Lazarett besuchte und ich bei einer Wiener Familie, die nicht zur
Gotteskinder-Familie gehörte, untergebracht war. Nach über 12 Stunden Bahnfahrt
nahm man keine Rücksicht darauf, dass ich todmüde war und man unterhielt sich
noch stundenlang im Wiener Dialekt, auf dem Sofa sitzend, das mir als
Schlafstätte dienen sollte und wo ich am anderen Morgen von Wanzenstichen
übersät aufwachte. Keine Gemeinschaft, keine leuchtenden Gesichter, nur
Finsternis, die mir entgegenkam! Was ist das Geheimnis für das Erkennen der
Gotteskinder? Das Loblied der
Erlösten und die strahlende Freude der Gotteskindschaft und das für andere unsichtbare
leuchtende Gesicht der Gotteskinder!
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